Psychotherapiepatienten haben oft Probleme damit, Nein zu sagen. Ein unmissverständliches Nein. Ein unnachgiebiges Nein. Das selbstbewusste Setzen fester und konsistenter Grenzen sowie die Wahrung gesunder persönlicher Abgrenzungen. Sie fürchten häufig, die Gefühle anderer zu verletzen, und versuchen, zu nett, fürsorglich oder rücksichtsvoll zu sein. Manchmal leiden sie unter eigenen Co-Abhängigkeiten und zeigen eine mangelnde Bereitschaft, Menschen, die sie lieben, trotz deren destruktiver Lebensweise ein Nein entgegenzusetzen.

Oder sie haben aufgrund eines geringen Selbstwertgefühls, Schuldgefühlen und Angst nicht das Gefühl, das Recht zu haben, anderen Nein zu sagen. Es gibt Vorteile, Ja zum Leben, zu Beziehungen und zu sich selbst sagen zu können und gleichzeitig die gleich grosse und entgegengesetzte Fähigkeit zu kultivieren, bei Bedarf durchsetzungsfähig, manchmal sogar aggressiv Nein zu sagen.

Es gibt Zeiten, in denen wir selbst Nein sagen und Selbstdisziplin ausüben müssen, etwa beim Abgewöhnen ungesunder Gewohnheiten. Diese Fähigkeit, den eigenen Willen konstruktiv in der Welt auszudrücken und zu behaupten, ist wesentlich und eine Grundvoraussetzung für das psychologische und spirituelle Wachstum.

Das Wort „Nein“ trägt eine negative Konnotation und impliziert Eigensinn, Eigensetzlichkeit, Ablehnung oder Nichtssein. Dennoch ist es ein wesentlicher Bestandteil unseres menschlichen Wortschatzes und unserer Kommunikation. Menschen üben das Nein-Sagen sehr früh im Leben, beginnend um die sogenannte Trotzphase herum, in der wir uns langsam als eigenständige Individuen mit eigenen Gedanken, Gefühlen und Wünschen entdecken.

Wir sagen Nein, um uns zu behaupten, Grenzen zu setzen, unsere Macht zu testen und zu erfahren, wie andere und die Welt auf uns reagieren. Das Nein-Sagen ist ein kraftvoller Akt der Selbstbehauptung und ein direkter Ausdruck dessen, was Alfred Adler als „Aggressionstrieb“ bezeichnete.

Dieses instinktive Selbstbehauptungsverhalten beginnt bereits im Säuglingsalter non-verbal. Wenn eine solche Selbstbehauptung jedoch konsequent auf Missfallen, Bestrafung oder Beschämung stößt, lernt das Kind, dass Nein-Sagen inakzeptabel ist. Im späteren Leben führt dies oft zu passiv-aggressivem oder rebellischem Verhalten.

Der Psychotherapeut Otto Rank verstand, dass der menschliche Wille entweder konstruktiv oder destruktiv ausgedrückt werden kann. Wenn er nicht produktiv ausgedrückt werden kann, manifestiert er sich destruktiv, was Rank als „Gegenwille“ bezeichnete.

Für manche Menschen, die eine Psychotherapie beginnen, ist der eigene Wille unbewusst, da er seit der Kindheit verdrängt wurde. Die entscheidende Aufgabe der Therapie besteht daher darin, den Willen der Person bewusster zu machen und ihr zu helfen, diesen so konstruktiv wie möglich auszudrücken.

Die sogenannte „Willenskraft“ bezieht sich meist nur auf das, was das Ego begehrt. Ranks Ansatz, die „Willenstherapie“, versuchte, die Fähigkeit des Patienten zu kultivieren, seinen Willen konstruktiv auszudrücken. Dabei wurde der Gegenwille nicht als etwas Verwerfliches angesehen, sondern als blockierte Vitalität und Energie.

Das bewusste Üben des Nein-Sagens kann den Willen und das Selbstgefühl stärken. Wie ein Muskel muss der Wille regelmässig trainiert werden, sonst wird er schwach.

Normalerweise ist es einfacher, Ja zu sagen, weil das Nein-Sagen mehr Widerstand, negative Konsequenzen und gesellschaftlichen Druck mit sich bringt. Menschen hören nicht gerne Nein, und die Gesellschaft verlangt oft Konformität.

Deshalb erfordert es so viel Energie und Mut, Nein zu sagen. Wenn wir nicht in der Lage oder bereit sind, bei Bedarf Nein zu sagen, verlieren wir ein Stück von uns selbst, unser Selbstrespekt erodiert und unsere Freiheit schrumpft.